4:17 Uhr, Hotelzimmer. Eine Stunde ist es her seit mein zweiter Grünen Bundesparteitag mit „you‘ll never walk alone“ endete, nachdem gegen halb 3 Uhr nachts unsere DJs auf den wohlverdienten Feierabend bestanden. Aber niemand wollte aufhören zu feiern und zu tanzen und mit denen Spaß zu haben, die man vorher vor lauter Anspannung und aufgeregtem Gerenne nur sporadisch sah. Mit der Stimmgewalt von Michael Kellner singen wir „Ein Kompliment“ einfach weiter und denken gar nicht daran, nach den verebbten Bässen schlafen zu gehen. Schließlich ist da doch auf einmal die ganze Energie entfesselt, die in Grünen steckt.

Mein Satz des Abends hat ebenfalls Kellner gebracht: „Normalerweise würde ich euch jetzt einen guten Heimweg wünschen. Aber heute wünsche ich euch einen guten Aufbruch.“ Standing Ovations, Schluss. Ende. Aus. Parteitag vorbei.

Schien mir das Motto „Und das ist erst der Anfang!“ zu Beginn noch so naja, so ist genau dieses Gefühl in den 30 Stunden zwischen Anfang und Ende gewachsen. Aufbruch, Euphorie, eine ungebrochene und plötzlich entfesselte Lust auf Veränderung und das in einer bis dato unbekannten Einheit der Partei. Denn auch diejenigen, die sich andere Entscheidungen wünschten oder Wahlen verloren hatten, ätzten nicht etwa gegen „die anderen“. Nein, Vereinigung stand am Ende dieses Parteitages. Vereinigte Euphorie. Vereinigter Veränderungswille!

Wie aber haben wir es geschafft nach hartem Wahlkampf, einem durchschnittlichen Wahlergebnis und allseitigem Kopfschütteln über die von der FDP abgebrochenen Sondierungsverhandlungen plötzlich den großen Wurf zu landen? Der große Wurf aus Aufbruchstimmung und Zusammenhalt, er ist gewachsen über Zeit. Dazu trug die Urwahl, die programmatische Stärke aus einem fundierten und ambitionierten Wahlprogramm, hart geführte Sondierungen und vieles weitere mehr bei. Am Ende stehen da ein Dreamteam, verdutzte und gleichzeitig begeisterte Journalis*innen und rund 1000 Parteimitglieder, die geeint nichts weniger wollen als „die Welt retten“, wie Erik Marquardt es so schön auf einen Nenner brachte.

Wir haben uns emanzipiert von historisch gewachsenen Mechanismen wie der starren Flügelarithmetik und der Trennung von Ämtern oder Amt und Mandat. Die Ziele hinter diesen Mechanismen, also lebhafter parteiinterner Diskurs und das Gehörtwerden des breiten Meinungsspektrums sowie die Vermeidung von Machtkonzentration, bleiben bestehen. Allein die Wahl der Mittel zur Erreichung dieser Ziele haben sich geändert. Denn die Partei und ihre Mitglieder sind inzwischen stark genug, diese Kontrolle ohne Satzungsstrukturen auszuüben.

Ich bin froh darüber. Froh weil ich zum ersten Mal seit langem wieder weiß, dass diese Partei nichts weniger will als die Welt retten – und das nichtmal zum Selbstzweck sondern für unsere Kinder und Enkel. Dafür bin ich eingetreten, um zu verändern, zu tun, zu machen, draufloszulegen mit der Lösung der Probleme, derer es so viele gibt. Denn so manchmal gerät man ins Stocken angesichts von Meeresspiegelanstieg, Hungersnöten, Armut sichtbar oder verdeckt, maroder Infrastruktur, europäischer Grenzmauern, Yemenkrieg, Einmarsch der Türkei in die Kurdengebiete, Trump, Putin, Erdogan, Steuerhinterziehung, Massenüberwachung, Artensterben, Industrieller Lebensmittelproduktion, Bildungsungerechtigkeit, Pflegenotstand, Ausbeutung von Schwellen- und Entwicklungsländern, Mietpreiswucher, Dieselgate und prekärer Beschäftigung. Diese Liste ließe sich leider noch weit fortführen. Aber sie ist unser verdammter Auftrag als Partei zu handeln und mehr zu wollen als 8,9 %. Wir wollen mehr und mit den Bürger*innen anpacken.

Vor etwa 1 1/2 Jahren saß ich beim Sommercamp der Nord-Grünen mit Robert Habeck am Feuer. Auf seine Frage, warum ich eigentlich zu den Grünen gekommen sei, konnte ich da nur ausweichend antworten. Mein Mitgliedsantrag ist ja nun auch schon älter aber ich erinnerte mich nicht mehr genau an den damaligen Auslöser. Nach der BDK könnte ich diese Frage wieder beantworten: Denn es war weniger ein Ereignis oder ein Thema sondern ein Gefühl. Aus dem „da müsste mal wer was machen“ wurde ein „Ich will etwas tun“ und heute ist es ein Jan Delay’sches „wir machen das klar!“ geworden – Und ich will das irgendwann doch mal als Claim für eine Wahlkampagne.

Jetzt gehts los! Raus aus der Angststarre, Mut zum Handeln, zur Attacke, zum Zuhören, abwägen und auch Umdenken genauso wie Mut zum durchziehen und Haltung beweisen. Die Kommunalwahl am 6. Mai 2018 ist die Gelegenheit, das zu tun.

Und der Parteitag bewies noch etwas: Die Grünen können nicht nur Demokratie zum Erlebnis machen sondern auch lässig feiern – selbst zu Helene Fischer!

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