Aufgewachsen bin ich im kleinen Dorf Berkenthin, 2000 Einwohner, südlich von Lübeck, drumherum Felder, Pferdekoppeln und Kuhställe. Meine Großmutter half bei einer befreundeten Bäuerin aus. Hühner und Gänse liefen frei herum. Landwirtschaft war immer nah dran und Bauern gehörten ganz selbstverständlich zum Landleben. Landleben hieß auch, jeden Morgen selbstverständlich gemeinsam zur Schule zu fahren – Kinder von Bauern, Angestellten, Selbstständigen in einem Bus, manchmal in einer Fahrradkolonne.
Bis 2008 lebte ich dort. Heute, zehn Jahre später, bin ich Landesvorsitzender der Grünen in Schleswig-Holstein und lese von Mobbing gegen „Bauernkinder“ in Kindergärten oder per anonymem Brief, wie letztens in Fockbek. Vermutet werden dahinter Kritiker der konventionellen Landwirtschaft. Die Vorfälle werden von anderen genutzt, um wiederum gegen „die Ökos“ zu wettern und all diejenigen in Verruf zu bringen, die sich für Veränderungen in der Landwirtschaft stark machen. Der Graben zwischen Landwirten, ihren Interessenvertretern auf der einen und „uns Ökos” auf der anderen Seite scheint noch tief, obwohl in den letzten Jahren Politikerinnen und Politiker von beiden „Seiten” große Schritte aufeinander zu gemacht und voneinander gelernt haben.
Doch gilt für die Debatte über die Landwirtschaft wie für jede andere politische Debatte: Anstand im Umgang miteinander! Wer Kinder anfeindet, noch dazu anonym, diskreditiert sich selbst für die Debatte und ist noch dazu feige. Wer anständige Tierhaltung will, soll anständig mit denen diskutieren, die Tiere halten. Wer Veränderungen in der Landwirtschaft will, soll die politische Debatte führen, statt persönliche Schuldzuweisungen verfassen. Egal wie groß die Emotionen sind, fiese Zettelchen und Mobbing sind keine Form der Auseinandersetzung. Genauso braucht es Brückenbauer in den Verbänden der Landwirte. Gemeinsame Lösungen zu erarbeiten, hilft immer mehr als Spinnkram auszuschlachten.
Wenn in Berlin 30.000 Menschen bei „Wir haben es satt!“ demonstrieren, ist das ein lautes Zeichen für den Willen zum Wandel in der Landwirtschaft. Und die große Emotionalität vieler Menschen, wenn es um Lebensmittelqualität, Nachhaltigkeit und Tierwohl geht, ist positiv. Zeigt sie doch, dass „Hauptsache billig“ für viele Menschen nicht gilt. Sie und wir Grüne wollen eine Agrarwende mit gesundem Essen, intakter Umwelt und mehr Tierwohl. Also lasst uns diskutieren und Brücken bauen. Diskutieren darüber, wie wir Tiere halten und unser Essen herstellen, wie wir Land nutzen und Natur schützen können. Darüber, wie wir unsere Landwirte fair bezahlen können. Also darüber diskutieren, was uns unser Essen wert ist.
Die jetzige Situation ist für viele Landwirte dramatisch und existenzbedrohend. Auf dem freien Markt mit seiner unerbittlichen Logik fallen die Preise unter dem Druck einzelner Lebensmittelkonzerne immer weiter, Agrarkonzerne schlucken die kleinen Betriebe. Unsere Landwirte erwirtschaften immer weniger Gewinn, dafür ist das Grillfleisch im Discounter manchmal billiger als die Grillkohle. In der Folge intensivieren viele Landwirte die Produktion immer weiter. Mit Folgen für Böden, Tiere, Natur und die Landwirte selbst.
Die enorme Abhängigkeit der Landwirte von einzelnen Molkereien oder Schlachthöfen lässt die Notwendigkeit von politischen Regeln, die für Fairness sorgen, in einem ganz neuen Licht erscheinen. Und in jüngster Zeit zeigt sich, dass die Debatte längst nicht mehr „Ökos gegen Bauern” geführt wird. Die Landesprogramme für den Vertragsnaturschutz und den Ökolandbau sind für viele Landwirte attraktive Marktmöglichkeiten, die ihr Einkommen stabilisieren. So bauen wir Grünen Brücken für Landwirte, die raus aus dem System von „wachse oder weiche“ wollen. Dazu gehört auch unser Wille, die europäische Agrarförderung zu reformieren. Der offene Dialog über Alternativen und den Wandel in der Landwirtschaft ist dabei wesentlicher Teil Grüner Politik in Schleswig-Holstein.
Die Existenz unserer Landwirte sichern, die Natur schützen und gleichzeitig für gute bezahlbare Lebensmittel sorgen sind die Ziele einer Grünen Agrarwende. Sie sorgt dafür, dass Landwirte und ihre Kinder den Respekt der Gesellschaft bekommen, den sie zweifelsohne verdienen. Gelingen kann dies nur mit der Bereitschaft zum Dialog zwischen Landwirten, Verbänden, Politik und Gesellschaft. Gemeinsam können wir mit den Zeichen der Zeit den Wandel einläuten, den sich viele kleine und groß gewordene Dorfkinder wünschen. Denn: There is no culture without agriculture!
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