Text erschienen im GRÜNEN Mitgliedermagazin „grüne welle“ 2/2019

„Politik beginnt mit der Betrachtung der Wirklichkeit“, ein Satz der politischen Alltagslyrik und doch hat er et- was Wahres. Was wir betrachten und aus welchem Blickwinkel, das entscheidet über die politischen Konsequenzen. Die Corona-Krise wirkt dabei wie ein Brennglas, unter dem die Stärken und Schwächen unserer Gesellschaft deutlicher als sonst zu Tage treten.
Sophie ist 4 Jahre alt und hatte über Wochen niemanden zum Spielen. Lars ist 56 Jahre alt und bat mich oft nach dem Einkaufen um ein bisschen Geld. Sophie und Lars, Klara, Katharina und Amir sind Synonyme für Menschen, die ohne Obdach oder isoliert in Altenpflegeeinrichtungen leben, studieren oder forschen und dabei ein Schicksal teilen: Bestehende soziale Probleme verschärfen sich im Eiltempo. Armut, ungerechte Bildungschancen, digitale und kulturelle Ausgrenzung. Jetzt zeigen der „schlanke Staat”, eine lange Privatisierungswelle und das „der Markt regelt das”-Prinzip ihre Sollbruchstellen.
Wir sehen leere Läden, junge Öko-Gründer*innen in Existenzangst und einen boomenden Amazon-Versandhandel. Wenn wir zurecht die Wachstumsideologie kritisieren, dann sollten wir es zielgerichtet tun. Globale Steuerbanditen und Wachstum durch Ressourcenausbeutung haben uns in die ökosoziale Krise der Gegenwart gebracht. Da sind Degrowth-Ansätze sicher richtig. Die Forderung nach einem Ende des falschen Wachstums muss einhergehen mit dem Aufbau neuer wirtschaftlicher Existenzen, die gemeinwohlorientiert arbeiten. Globale Vernetzung mit regionalen
Wirtschaftskreisläufen. All das ergibt ein Wirtschaftssy- stem mit einer neuen Art des Wohlstands und kann Teil moderner grüner Wirtschaftspolitik sein.
Wir dürfen niemanden übersehen. Wir stehen vor der Aufgabe, für die ökonomischen und sozialen Auswirkungen politische Wege zu finden und gleichzeitig die Megakrise der Erderhitzung zu bekämpfen. Dabei hilft es uns, längst nicht mehr nur „Öko-Partei“ zu sein und uns nicht zur „Nur-Sozial-” oder „Nur-Wirtschaftspartei” verändert zu haben.
Wir betrachten gesellschaftliche Phänomene in ihren systemischen und weltweiten Zusammenhängen und das macht uns stark. Kaum ein Wort wurde in der Vergangenheit politisch so zum Greenwashing-Buzzword überstrapaziert wie „nachhaltig“, aber durch uns kann es jetzt echte Relevanz bekommen. Denn wenn wir in diesem Moment der fundamentalen Krise nachhaltig handeln, dann haben wir eine Chance, gestärkt aus der Krise zu kommen. Wir müssen die großen Räder der Politik so drehen, dass am Ende zukunftsfähige Wirtschaftse- xistenzen profitieren, wir das Pariser 1,5°C-Klimaziel erreichen und auch die kleinen Rädchen mit den Na- men Sophie und Lars, Klara, Katharina und Amir davon die Chance auf eine bessere, gerechtere Zukunft haben.

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